Der Nachtzug von Berlin nach Malmö bringt mich bequem und sicher mitten hinein nach Westschweden. Zehn Stunden durch die Nacht, und dann noch eine gute halbe Stunde weiter bis Landskrona. Vier Tage bleibe ich. Unterwegs spreche ich mit einigen Menschen, und mir fällt auf, wie zufrieden und gut gelaunt sie sind. Woher kommt das, warum sind die Schweden so glücklich?
Alle so zufrieden hier
Dass Schweden im World Happiness Report seit Jahren deutlich vor Deutschland liegt, ist keine neue Erkenntnis. Auf dieser Reise bestätigt sich das. Nicht als pure Statistik, sondern in einzelnen Begegnungen.
Ich treffe Menschen, vor allem Frauen, die mir Einblick in ihre Arbeit und in ihr Leben gewähren. Und auch wenn es nicht immer einfach ist, sind sie am Ende doch zufrieden mit dem, was sie haben. Die meisten dieser Gespräche finden auf der Insel Ven statt, wo ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Direkt in Landskrona treffe ich Kimberly im Little Clay Café.
Kimberly und die Farbe auf der Tasse
Kimberly kommt aus Südafrika, passt also eigentlich gar nicht ins Bild einer typischen Schwedin, und dann doch irgendwie ganz gut. Mitte zwanzig schätze ich sie, vielleicht etwas älter, schwer zu sagen. Sie hat zwei Kinder, wohnt in der Nähe und hat sich mit ihrem Café eine schöne, einfache Sache aufgebaut, Keramikbemalen. Der Nachmittag bei ihr tut der Seele gut. Es ist ruhig, es macht Freude, mit den Farben zu experimentieren, kein Druck, nichts muss erreicht werden. Der Moment gehört mir, und am Ende freuen wir uns beide über das Ergebnis.

Macht Arbeiten mit der Hand glücklich?
Ganz in der Nähe, im alten Bahnhofsgebäude der Stadt, liegt Hemslöjden i Skåne, ein Handwerkshaus mit eigenem Kursprogramm, unter anderem Sticken. Auch hier bleibt die Zeit irgendwie stehen. Der ganze Laden mit einem großen Angebot an Wolle und Stickgarnen strahlt Wärme aus. Für einen Workshop reicht diesmal die Zeit nicht, aber die fertigen Kissen im Laden sehen richtig schön aus, das würde ich gerne einmal selbst ausprobieren.
Etwas fertigstellen, festhalten können, was man geschaffen hat, ich glaube, das trägt ein bisschen zum Glück bei.
Julia und die Idee mit dem Rapsöl
Am nächsten Tag geht es mit der Fähre auf die Insel Ven und mit Olga an meiner Seite aufs Fahrrad. Wir besuchen Julia Lundahl Persson an ihrem Verkaufsstand, draußen am Weg. Wegen ihres Mannes ist sie aus der Stadt nach Ven gezogen. Er ist Landwirt und stirbt mit Anfang dreißig an Krebs. Julia hat zu dem Zeitpunkt kaum Erfahrung mit Landwirtschaft, aber sie möchte nicht gehen. Ihr Schwiegervater hilft ihr, zunächst den Betrieb weiterzuführen.

Und Julia hat eine Idee, sie möchte Raps anbauen und das Öl selbst herstellen. 2008 fängt sie mit einer kleinen Presse aus Örebro an. Am Anfang gibt es das Öl nur an der Rezeption der Pension ihrer Mutter zu kaufen. Heute hat ihr Rapsöl einen guten Ruf und steht in Hofläden und Geschäften in der ganzen Region im Regal. „Ich habe das Produkt hier eigentlich nie aktiv verkaufen müssen, es hat sich von selbst verkauft.“ Vens rapsolja ist inzwischen ihr Hof, ganz neu mit einer kleinen Schafherde. Die Lämmer liefert sie an Restaurants in der Region, auch das läuft gut.
Ich merke, auf dem Land ist keine Zeit für Romantik. Julia tut, was sie tun muss, um den Betrieb am Laufen zu halten. Das Landleben härtet ab. Aber wenn es erfolgreich ist, dann macht es auch zufrieden.
Geduld in Flaschen
Wir radeln weiter, ein paar Kilometer in die Destillerie Spirit of Hven. Henric und Anja Molin führen das Geschäft seit 1998 gemeinsam, zunächst als kleines Resort mit Restaurant, ab 2008 dann mit eigener Destillerie. Henric ist gelernter Chemiker und kümmert sich um Rezepturen, Fässer und Analytik, berät inzwischen Brennereien auf der ganzen Welt, aktuell etwa ein Gin-Projekt in Bhutan. Anja kümmert sich um das operative Geschäft. 2003 werden die beiden gemeinsam als Unternehmer des Jahres ausgezeichnet, für ihren Beitrag, die kleine Insel als Reiseziel bekannt zu machen.
Henric führt mich selbst durch die Anlage, ein echter Blick hinter die Kulissen. Am meisten bleibt mir hängen, wie viel Geduld in diesem Geschäft steckt. Guter Whisky braucht mindestens acht Jahre Lagerung. Bis dahin wird nur investiert und kontrolliert, ohne dass ein einziger Cent zurückkommt. Es ist ein Geschäftsmodell, das komplett auf Vorleistung beruht. Es ist ein Geschäft über Generationen, ein Produkt, das bleibt. Ich habe das Gefühl, dass es für Henric ein schöner Gedanke ist, etwas zu hinterlassen.

Vom Mittelmeer nach Ven, Britta und der Hartweizen
Es ist Nachmittag, Zeit für eine Fika und den Stopp in der Bäckerei Hven Durum. Britta Ossler ist noch im Haus, als wir kommen. Sie ist über achtzig und wirkt zehn Jahre jünger.

Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie die Bauern auf Ven überzeugt, es mit Hartweizen zu versuchen. Diese Getreideart vom Mittelmeer sollte im Norden eigentlich nicht wachsen. Aber es funktioniert, und die beiden können ihre eigene Pastaproduktion aufbauen, mit Export bis nach Kopenhagen. Nach dem Tod ihres Mannes gibt Britta die Pasta auf und konzentriert sich auf Brot und Gebäck.
Das Korn mahlt sie immer noch selbst in ihrer Mühle. Gegen den Lärm nimmt sie dabei einfach ihr Hörgerät raus und lacht bei der Erklärung.
Britta ist zufrieden mit dem Haus, dem Garten und dem, was aus dem Betrieb geworden ist. Insgeheim hofft sie, dass eines ihrer Kinder das alles einmal übernimmt. Die Chancen stehen nicht schlecht, im Sommer helfen die Enkel schon mit.
Das Geheimnis ist gelüftet
Ein paar Faktoren, die häufig genannt werden, wenn es um die Zufriedenheit in skandinavischen Ländern geht, lassen sich auf dieser Reise fast eins zu eins an konkreten Situationen festmachen.
Soziale Sicherheit und Vertrauen. Schwedens Sozialsystem federt Existenzängste bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit spürbar ab, und das Vertrauen in Institutionen ist entsprechend hoch. Landskrona durchlebt um die Jahrtausendwende eine schwierige Phase, mit dem Niedergang der Werftindustrie, hoher Kriminalität und Wegzug. Heute sieht man in der Stadt ein neues Kallbadhus, einen Skatepark, Sitzbänke am Wasser. Man sieht mit eigenen Augen, wie sich die Stadt um die Bürger kümmert.
Lagom. Das schwedische Konzept von „genau richtig“, weder zu viel noch zu wenig, lässt sich fast wörtlich an allen Begegnungen ablesen. Es geht nie um Wachstum um jeden Preis, sondern darum, was zur eigenen Lebenssituation passt.
Fika. Die bewusste Kaffeepause als fester Bestandteil des Alltags ist in der Bäckerei von Britta unmittelbar erlebbar, Kaffee, Zimtschnecken und ein gutes Gefühl im Bauch.

Gutes Essen. Was mir auf der ganzen Reise auffällt: Das Essen ist durchgehend hervorragend, und auffällig oft steht Fisch auf dem Teller, frischer Lachs, Heilbutt, Krabben. Das mag Zufall sein, passt aber gut zum Bild einer Küche, die viel auf regionale, unverarbeitete Zutaten setzt.
Wohlbefinden am Wasser. Die 300 Meter lange Seebrücke des Kallbadhus mit Sauna direkt über dem Meer ist kein reines Freizeitangebot, sondern Teil einer Kultur, die sich bewusst Zeit für Erholung nimmt, mitten im Alltag, nicht nur im Urlaub.

Funktionierende Infrastruktur. Kleine Sache, aber sie gibt mir während der ganzen Reise ein sehr sicheres Gefühl: Bus, Bahn und Fähre sind durchgehend pünktlich, sauber und einfach zu verstehen, auch ohne Ortskenntnis. Als alleinreisende Frau merkt man so etwas.
Ankunft und Abfahrt in Malmö
Mein Nachtzug zurück nach Berlin fährt abends vom Bahnhof Malmö C ab, dort, wo die Reise Tage zuvor auch beginnt. Beide Male ein Ort, an dem ich mich einfach sicher fühle, sauber, hell, mit Bänken zum Warten, auf die man sich wirklich setzen möchte. Für eine Frau, die allein unterwegs ist, sind das keineswegs unwichtige Details.
Warum sind die Schweden so glücklich?
Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Vielleicht hat es damit zu tun, dass alle, die ich getroffen habe, Sinn in ihrer Arbeit sehen und sie das zufrieden macht.
Mir ist bewusst, dass das nur eine Momentaufnahme ist. Schweden kämpft auch mit hoher Jugendarbeitslosigkeit und auffällig vielen drogenbedingten Todesfällen, Probleme, die ich auf dieser kurzen Reise nicht gesehen habe, die aber trotzdem existieren.
Oder es ist etwas viel Einfacheres. Schweden können sich über kleine Dinge freuen. Gemeinschaft bei der Fika, das Licht nach einem dunklen Winter, und die Natur als etwas, das einfach zum Leben dazugehört.
Und während ich hier sitze und über all das nachdenke, surrt leise ein Putzroboter zwischen den Menschen umher.
Die praktischen Reisedetails zur Anreise, zu Landskrona und zur Insel Ven stehen ausführlich in zwei Artikeln auf meinem anderen Blog, Mit dem Zug nach Westschweden und Insel Ven.
Text und Fotos Britta Smyrak
Danke an die Stadt Landskrona und an Thorsten und Olga für die Unterstützung meiner Recherchereise