Stiller Garten, wilde Klamm: Zwei Tage Auftanken im Alpbachtal

Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell ich von der Großstadt in die Bergwelt eintauchen kann. Nur ein paar Stunden Zugfahrt trennen meinen Alltag von der Stille der Natur. Wobei, so still ist die Tiefenbachklamm gar nicht, aber dazu später mehr.

Die Zugfahrt selbst ist für mich bereits Teil der Reise: Buch aufschlagen, aus dem Fenster schauen, ankommen, noch bevor man angekommen ist.

Das Alpbachtal in Tirol ist bequem mit dem Zug erreichbar, und die Gästekarte, die jeder Gast bei einer Übernachtung automatisch bekommt, sorgt für die Mobilität vor Ort. Eine Bergbahnfahrt ist im Sommer übrigens inklusive.

Ankommen im Alpbacherhof

Eine Auszeit im Alpbachtal in Tirol reichen, um mich wieder ins Lot zu bringen. Mein Zuhause für diese Tage ist der Alpbacherhof, ein 4-Sterne-Superior-Hotel mitten im Tal. Dieser Ort ist echter Luxus, denn von meinem Balkon habe ich nicht nur einen unverbauten Blick auf die Berge, sondern hinter dem Hotel liegt eine 7.000 Quadratmeter große Panoramawiese mit Sonnenliegen, auf denen man entspannen und die Berge auf sich wirken lassen kann.

Auch bei schlechtem Wetter ist das Hotel eine gute Wahl. Der Spa-Bereich ist großzügig. Auf rund 1.600 Quadratmetern gibt es genug Raum, um sich zu verlieren, mit Indoor- und Outdoorpool und vielen Saunen. Wer es noch ruhiger mag, geht ins Adults-Only-Spa. Kurz davor befindet sich ein Fitnessraum mit Tageslicht. Auch der Leseraum Wolke 7 ist ein sehr angenehmer Rückzugsort mit Bibliothek und Aussicht direkt unterm Dach.

Mein Tipp: Bei der Buchung gleich nach einem Zimmer zum Garten hin fragen. Der Ausblick ist schöner als zur Straßenseite. Wer Wert auf eine Klimaanlage legt, sollte das ebenfalls ansprechen. Die neueren Zimmer sind bereits damit ausgestattet.

Das Haus wurde über die Jahre immer wieder erweitert und verbessert. Es ist mit seinen Gästen mitgewachsen, und nicht immer sind die Wege leicht zu finden. Aber einfach fragen ist die simple Lösung.

Was auf jeden Fall bleibt, ist der Eindruck von Großzügigkeit: die Terrasse mit Weitblick, an der ich morgens meinen Kaffee getrunken habe, und ein Service, der mir wirklich persönlich und aufmerksam begegnet ist. Als Frau, die viel alleine reist, schätze ich das besonders.

Am nächsten Tag zieht es mich zu einem Ort, der auf ganz andere Weise zur Ruhe einlädt.

Ein Garten, in dem niemand gießt: der Hildegard von Bingen Garten in Reith

Mitten in Reith im Alpbachtal liegt ein Garten, der schon auf den ersten Blick besonders wirkt und der bei näherem Hinsehen eine ganz eigene Philosophie erzählt: der Hildegard von Bingen Garten.

Ich treffe Maria, die Obfrau des ehrenamtlichen Vereins, der den Garten seit Jahren pflegt. Mittwochvormittags treffen sich hier zwischen sechs und zwölf Menschen, überwiegend Frauen, um gemeinsam im Garten zu arbeiten. „Wie ein Zahnrad, wir greifen eine in die andere“, sagt Maria.

Kraft schöpfen aus den vier Weltelementen lautet eine der goldenen Lebensregeln nach Hildegard von Bingen: Erde, Feuer, Wasser, Luft. Genau das passiert hier beim Graben, Pflanzen und Schwitzen in der Sonne.

Wer war diese Frau überhaupt, deren Name heute auf Teeschachteln und Dinkelmehl prangt? Hildegard von Bingen war Deutsche und lebte von 1098 bis 1179 als Benediktinerin und Äbtissin. Sie war außerdem Mystikerin, Komponistin und eine der wenigen Frauen ihrer Zeit, die ein umfassendes Werk zur Heilkunde verfasste. Krankheit entsteht in ihrem Verständnis, wenn die innere Ordnung verloren geht. Heilung bedeutet die Rückkehr zu dieser Balance. Zwei Schriften sind es vor allem, die bis heute nachwirken: die Physica, ein neunbändiges Naturkundwerk über Pflanzen, Tiere, Steine und Elemente, und die Causae et Curae, in der sie Krankheitsursachen und passende Heilmittel systematisch zusammenführt. Beide entstanden vermutlich zwischen 1150 und 1160, als Ergebnis jahrzehntelanger Beobachtung und vieler Gespräche mit Ratsuchenden, die zu ihr kamen. Es sind keine modernen medizinischen Texte, sondern mittelalterliches Wissen mit eigener Erkenntnistiefe und eigenen Grenzen.

Das Prinzip aus Causae et Curae, nämlich Beschwerden und die dazu passenden Pflanzen zusammenzuführen, ist im Garten in Reith ganz praktisch umgesetzt. Er ist in einzelne Bereiche gegliedert, etwa für Gelenke oder Nerven, und in jedem davon wachsen genau jene Kräuter, die nach Hildegards Lehre für diesen Körperbereich helfen sollen. Man muss also nicht suchen. Man steht einfach an der richtigen Stelle und sieht, was einem bei welchen Beschwerden helfen kann.

Hildegard von Bingen war eine der wenigen Frauen ihrer Zeit, die öffentlich predigte, mit Päpsten und Kaisern korrespondierte und sich traute, auch Kirche und Mächtige zu kritisieren. Eine selbstbewusste, eigenständige Stimme in einer Zeit, in der Frauen kaum Gehör fanden. 2012 wurde sie von Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen und zur Kirchenlehrerin erklärt.

Was mich am meisten erstaunt: Dieser Garten wird nicht gegossen. Die Pflanzen müssen sich selbst behaupten, sich verwurzeln, ihren Platz finden. Und wenn sie an einer Stelle nicht wachsen wollen, dann eben woanders. Maria nennt das Beispiel der Königskerze, die so fest mit der Erde verbunden ist, dass sie selbst einen Sturm überlebt und immer wieder zurück in ihre Mitte findet.

Mutterkraut und Gänsefingerkraut gegen Unterleibskrämpfe, als Tee oder Tinktur: Hier finde ich altes Frauenwissen, das weitergegeben wird, ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Warum nicht einfach mal einen Tee nach Hildegard ausprobieren? Mutterkraut oder Gänsefingerkraut bekommt man in jeder Apotheke, und wer weiß, was jahrhundertealtes Frauenwissen so alles kann.

Wer mehr erfahren möchte, kann an Mittwochvormittagen bei einer Führung um 10 Uhr dabei sein oder sich außerhalb dieser Zeiten für eine individuelle Führung anmelden.

Ein schöner Ort, der voller Wissen steckt. Es gilt freiwillige Spende statt fixem Eintritt. Hunde dürfen nicht in den Garten.

Wer Gärten mag und auch Wien auf dem Reiseplan hat, dem sei die City Farm im Augarten ans Herz gelegt – Urban Farming mitten in der Stadt, mit einem ähnlich entschleunigenden Effekt.

Tipp für Reith: Nimm Badesachen mit. In Reith gibt es einen hübschen kleinen See, der sich für einen Badeausflug lohnt.

Durch die Tiefenbachklamm: Wasser und Geschichte

Am nächsten Tag wird es sehr warm. Perfektes Wetter für die Tiefenbachklamm. Ich bin hin und zurück gewandert, insgesamt rund 1,5 Stunden Gehzeit. In der Schlucht tosendes Wasser, blankgewaschene Felsen und eine angenehme Kühle.

Die Tiefenbachklamm hat auch eine bewegte Geschichte. Früher wurde hier Holz auf dem Wasser transportiert, kein ungefährliches Unterfangen, denn die Strömung ist auch heute noch beeindruckend kraftvoll, vor allem nach der Schneeschmelze. Dieses Spektakel zog sogar Prominenz an: Selbst Kaiserin Sisi und Kaiser Franz Joseph sollen sich das Schauspiel der Holztrift einst angesehen haben.

Am Eingang der Klamm wird auf Schwindelfreiheit hingewiesen. Der Weg ist durchgehend mit Geländer gesichert und bei normalem Wasserstand gut zu begehen. Bei Hochwasser sollte man vorsichtig sein, denn die Brandenberger Ache kann sich schnell verändern.

Tipp für die Tiefenbachklamm: Am Anfang und am Ende der Klamm kann man vor allem im Sommer ins Wasser gehen. Ich habe am Ende meiner Wanderung am Ufer pausiert und die Füße ins kühle Nass gehalten. Wer das nutzen möchte, sollte unbedingt eine Decke oder ein Handtuch einpacken. Viele Einheimische machen es sich hier gemütlich, mit Picknickdecke und Proviant. Man könnte hier locker einen ganzen Tag verbringen.

Wer mit Hund unterwegs ist: Die Tiefenbachklamm ist nicht ideal für alle Hunde. Der Weg führt über viele Gitterroste und Brücken, was manchen Vierbeinern Schwierigkeiten bereitet. Wer mit Hund im Alpbachtal wandern möchte, findet dort wunderbare Alternativen. Ich war selbst schon mit meiner Hündin dort und habe ausführlich darüber geschrieben: Wandern mit Hund im Alpbachtal.

Am Ende der Klamm wartet die Jausenstation Tiefenbachklamm, in der man wirklich gut essen und trinken kann. Die perfekte Belohnung nach der Wanderung.

Leider hatte ich den Fahrplan für den Bus nicht studiert. Am Wochenende fährt zwischen 12:35 und 16:35 Uhr schlicht keiner. Ich stand um 13:20 Uhr an der Haltestelle und entschied mich kurzerhand, zu trampen. Es war die naheliegendste Lösung und funktionierte. Schon das zweite Auto hielt und die Fahrerin brachte mich zum Bahnhof nach Brixlegg. Von hier fahren die Busse auch am Wochenende regelmäßig.

Portemonnaie verloren, Menschlichkeit gefunden

Was ich an der Haltestelle allerdings nicht bemerkt hatte: Mein Portemonnaie war mir aus der Tasche gefallen, mit allem, was darin war. Bargeld, Ausweis, Kreditkarten. Es wäre die Katastrophe gewesen. Am frühen Abend klingelte mein Telefon: die Polizei. Jemand hatte die Geldbörse gefunden und gemeldet.

Weil ich kein Auto hatte, kam bei der Abendrunde ein Streifenwagen zum Hotel und brachte mir das Portemonnaie. Ich war glücklich und dankbar und fand diese Hilfsbereitschaft überhaupt nicht selbstverständlich. Darum nochmal ein dickes Dankeschön an die Polizei in Kramsach.

Die Finderin wollte keinen Finderlohn. Ich rief sie trotzdem an, bedankte mich von Herzen, und am Ende haben wir uns beide füreinander gefreut. Über Menschlichkeit, die so selbstverständlich daherkommt und doch etwas ganz Besonderes ist.

Fazit: Auszeit im Alpbachtal, die nachwirkt

Diese Tage im Alpbachtal waren kein Wanderabenteuer mit Gipfelkreuz und Adrenalin. Es waren erholsame Tage: ein Garten, der einen lehrt, in Balance zu sein, eine Klamm, die einen erfrischt, ein Hotel, das einen auffängt, und eine Begegnung mit einer fremden Frau, die einfach das Richtige tat, ohne etwas dafür zu erwarten.

Manchmal ist es genau das, was man sich am meisten wünscht: nicht mehr Tempo, sondern mehr Tiefe. Und das Alpbachtal in Tirol hat mir davon reichlich geschenkt.

Text und Fotos: Britta Smyrak

Die Pressereise wurde unterstützt von Alpbachtal Tourismus

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