Meine Oma kommt aus Danzig. Sie war Deutsche und hat dort vor dem zweiten Weltkrieg meinen Großvater kennengelernt. Mit ihm ist sie in in seine Heimat, in die Nähe von Kattowitz gezogen. Die Details kenne ich nicht. Nach dem Krieg floh die Familie, halb deutsch halb polnisch nach Deutschland.
Mein Vater hat die polnische Geschichte in sich getragen, ohne sie je zu zeigen. Er hat leider nie Polnisch mit mir gesprochen aber ich trage seinen Nachnamen: Smyrak. Eindeutig polnisch.
Danzig zu entdecken bedeutet, sich auf Geschichte einzulassen. Auf eine Stadt die zerstört wurde und wieder auferstanden ist. Und manchmal auch auf sich selbst.
Als ich jetzt durch Danzig gehe, habe ich das alles gespürt. Diese Stadt geht mich mehr an als ich dachte. Auf meiner Reise durch Polen war ich auch in Gdynia — einer Stadt die mich auf andere Art überrascht hat.
Danzig entdecken: Eine Stadt die zweimal aufgebaut wurde

Danzig ist eine alte Stadt. Eine reiche Stadt, die Könige beherbergte, Hansehandel betrieb und Kirchen baute die so groß waren wie Kathedralen.
Und eine Stadt die fast vollständig zerstört wurde. Im Januar und Februar 1945 bei der Eroberung durch die Rote Armee wurde Danzig zu etwa 90 Prozent vernichtet. Durch Kämpfe, aber auch durch systematische Brandlegung nach der Einnahme. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben. Polnische Bevölkerung siedelte ein. Manche kamen aus Städten die ihrerseits an die Sowjetunion abgegeben worden waren. Vertriebene die in die Häuser anderer Vertriebener einzogen.
Die Polen haben Danzig wiederaufgebaut, genau wie die Altstadt von Warschau. Haus für Haus, Gasse für Gasse. So detailgetreu, dass man heute kaum glaubt, dass hier einmal Ruinen standen. Das ist wunderschön und macht mich stolz auf diesen kleinen polnischen Teil in mir.
Die Mariacka, eine Gasse die verzaubert
Wer in Danzig ist, muss durch die Mariacka. Die Mariengasse führt direkt zur Marienkirche und ist eine der schönsten Gassen der Stadt. Auf beiden Seiten alte Bürgerhäuser mit steinernen Freitreppen. Vor den Treppenaufgängen Stände mit Bernsteinschmuck und Kunsthandwerk. Steinerne Wasserspeier in Tierform, bei Regen spucken sie Wasser auf die Gasse.

Die Steinkugeln an den Freitreppen hatten früher eine Bedeutung: Je größer die Kugel, desto wohlhabender und angesehener der Hausbesitzer.
Danzig zu Fuß, eine Entdeckung abseits der Hauptwege
Danzig erschließt sich am besten zu Fuß. Wer die Touristenrouten verlässt und einfach durch die Gassen schlendert, findet immer wieder überraschende Details.




In der Heilig-Geist-Gasse zum Beispiel das Schildkrötenhaus. Ein schmales Barockhaus mit einer metallenen Schildkröte auf der Giebelspitze. Bei starkem Wind nickt und wackelt sie mit vergoldeten Pfoten und Kopf. Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, wurde in diesem Haus geboren. Sie schrieb darüber in ihren Memoiren mit großer Zuneigung. Wenige Häuser weiter in der gleichen Gasse kam 1788 Arthur Schopenhauer selbst zur Welt.
Beide Häuser wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und wiederaufgebaut. Eine Gedenktafel erinnert an die Familie.
Wer in Danzig ist, sollte sich also nicht nur auf die bekannten Sehenswürdigkeiten beschränken. Die Gassen erzählen eigene Geschichten. Man muss nur langsam genug gehen.
Die Marienkirche, gebaut aus Reichtum und Schuldgefühl
Die Marienkirche ist eine der größten Backsteinkirchen der Welt. 5.000 Quadratmeter Fläche mit Platz für 20.000 Menschen.

Warum so groß? Weil die Danziger so reich waren. Und weil reiche Katholiken im Mittelalter ein Problem hatten: Die Bibel sagt, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher in den Himmel kommt. Die Lösung war Ablasshandel. Dafür saß ein päpstlicher Gesandter sogar in der Kirche und verkaufte den wohlhabenden Danzigern Ablässe. Ein Teil des Geldes floss nach Rom, ein anderer Teil in diese riesige Kirche.
1502 war die Kirche fertig, gebaut aus dem Geld des Ablasshandels.
15 Jahre später erklärte Martin Luther den Ablasshandel zur Sünde. Er lehrte, dass Gottes Gnade nicht käuflich ist. Für die reichen Danziger Kaufleute war das eine gute Nachricht: Reichtum war kein moralisches Problem mehr und die Danziger wurden begeistert protestantisch.
Als Zeichen der neuen Zeit übermalten sie alle mittelalterlichen Wandmalereien in der Kirche mit weißer Farbe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche wieder katholisch geweiht und an einigen Stellen hat man die alten Malereien freigelegt.

Neben den Wänden hat auch die Orgel eine besondere Geschichte. Sie stammt aus den 1980er Jahren und verdankt ihre Existenz einem ehemaligen Danziger namens Otto Kulke. Er wurde in den 1920er Jahren hier geboren, sang als Kind im Chor der Marienkirche, musste in den Krieg, geriet in Gefangenschaft. Als er entlassen wurde, existierte sein Danzig nicht mehr. Jahrzehnte später gründete er in Deutschland eine Stiftung, sammelte Geld und ließ eine neue Orgel bauen. Er hat in der Kirche seiner Kindheit nie wieder gesungen. Aber seine Orgel spielt dort noch heute.
Als er starb, wurde seine Urne nach Danzig gebracht. Er ist in der Marienkirche beigesetzt.
Das Krantor, Wahrzeichen mit dunkler Geschichte
Das Krantor steht direkt an der Mottlau und ist das bekannteste Wahrzeichen Danzigs. Erbaut zwischen 1442 und 1444, war es gleichzeitig Stadttor und der größte Hafenkran des mittelalterlichen Europa.

Im Inneren befinden sich riesige Holzräder mit 6,5 Metern Durchmesser. Der Antrieb war einfach und brutal: Menschen liefen im Inneren der Räder und versetzten sie durch ihr Körpergewicht in Rotation. Es waren meist Gefangene der Stadt. Mit dieser Kraft konnten Lasten bis zu vier Tonnen gehoben werden.
1945 brannte das Krantor. Bis Ende der 1950er Jahre wurde es rekonstruiert. Wie so vieles in dieser Stadt.
Der Neptunbrunnen und die Legende des Goldwassers
Am Langen Markt stehen seit Jahrhunderten zwei der bekanntesten Wahrzeichen Danzigs nebeneinander: der Neptunbrunnen und der Artushof. Der Artushof war einst Treffpunkt der reichen Hansekaufleute. Heute ist er ein Museum. Sein Name geht auf König Artus und die Ritter der Tafelrunde zurück, ein Symbol für Ritterlichkeit und Gemeinschaft das die Kaufleute Danzigs für sich adaptierten.

Davor steht seit 1633 der Neptunbrunnen. Der Meeresgott mit seinem Dreizack, umgeben von Seepferdchen und Meeresbewohnern.
Mit dem Brunnen verbindet sich eine der schönsten Danziger Legenden. Die wohlhabenden Kaufleute der Stadt warfen Goldmünzen in den Brunnen. Als sich zu viel Gold angesammelt hatte, erwachte Neptun und zerschlug die Münzen mit seinem Dreizack in kleine Goldflocken. Ein ehrlicher Schankwirt, der Besitzer des Gasthauses Unter dem Lachs, and am nächsten Morgen sein Fass voll mit goldenem Wasser. Die geizigen Wirte die ebenfalls Fässer gefüllt hatten, fanden nur reines Wasser.
Daraus entstand der Danziger Goldwasser, ein Kräuterlikör mit echten Goldflocken aus 22-karätigem Gold. Ein Getränk für Könige: Peter der Große, Ludwig XIV. und Katharina die Große tranken ihn. Wer in Danzig ist, sollte ihn probieren.
Die Brigittenkirche — Kirche der Solidarność
Als ich die Brigittenkirche betrete, singt ein Chor. Es ist einer dieser unerwarteten Momente, die eine Stadt plötzlich anders klingen lassen.
Die Brigittenkirche war während der Solidarność-Bewegung eine der wichtigsten Kirchen Polens. Während der Streiks auf dem Werftgelände predigte hier Priester Henryk Jankowski zu den Arbeitern. Die Kirche wurde zum Schutzraum für Oppositionelle, zum Ort der Hoffnung in einer Zeit ohne Hoffnung.

Im Inneren befindet sich der Bernsteinaltar, ein außergewöhnliches Kunstwerk, über fünf Meter hoch und elf Meter breit, komplett aus Bernstein gefertigt. In der Mitte das Bild der Schwarzen Madonna. Der polnische Adler mit gebrochenem Flügel, Symbol eines Volkes das gelitten hat und trotzdem nicht gebrochen wurde.
Mit einer Stadtführung entdeckt man immer mehr als alleine. Das habe ich auch in Wien erlebt — mit Rebel Tours durch die Grätzl.
Als ich die Kirche verlasse, kommt ein Teenager auf uns zu. Sie hörte dass wir Deutsch sprechen und stellt sich auf Deutsch vor. Sie sagt, sie wohnt hier in Danzig.
Ihre Offenheit hat mich gefreut. Polen und Deutschland verbindet eine gemeinsame Geschichte. Keine leichte, aber eine gemeinsame. Dieser Moment hat mir das gezeigt.
Die Westerplatte, mit dem Schiff zur Geschichte

Von Danzig aus fährt stündlich ein Schiff zur Westerplatte, täglich von 10 bis 18 Uhr, ab dem Kai am Grünen Tor direkt neben dem Krantor. Wer möchte, fährt auf dem nachgebauten Piratenschiff Galeon Lew. Auf der Hinfahrt gibt es Kommentar auf Deutsch, auf der Rückfahrt Live-Musik.
Die Westerplatte ist eine Halbinsel am Hafeneingang. Am 1. September 1939 eröffnete das deutsche Schulschiff Schleswig-Holstein das Feuer auf das polnische Munitionsdepot hier. Eine kleine Garnison von 180 Soldaten hielt sieben Tage lang stand gegen gegen eine Übermacht aus Schiffsgeschützen, Infanterie und Luftwaffe. Dann erst kapitulierten sie.
Noch vor diesem Beschuss, am Morgen um 4:37 Uhr, bombardierten deutsche Stukas die Kleinstadt Wieluń in Südpolen, eine Stadt ohne militärisches Ziel. Das vollbesetzte Krankenhaus wurde zerstört, Hunderte Zivilisten getötet. Wieluń gilt heute als das polnische Guernica.
Die Westerplatte ist ein nationaler Gedenkort. Die Ruinen der Kaserne sind noch zu sehen.
Kulinarik zwischen rustikal und raffiniert

Mittags habe ich im Gdański Bowke gegessen. Das Restaurant mit Außenterrasse liegt direkt an der Długie Pobrzeże, der Uferpromenade an der Mottlau. Mitten auf der Touristenmeile, aber trotzdem gut. Gemischte Vorspeisen mit Pastete, Bigos, Pierogi und zum Nachtisch Kuchen. Klassisch polnisch, ehrlich gekocht, gut.




Abends war ich im Piwna47, einem der besten Restaurants der Stadt. Kaschuber Hering mit Kirschen, Senfkörnern und Schalotten. Sauerteigbrot. Forelle aus Zielenica mit Passionsfrucht und Buttermilch. Als Hauptgang Steinbutt mit Zucchini und Fischvelouté. Moderne polnische Küche auf höchstem Niveau. Ein Augenschmaus regional, saisonal, präzise.
Hoteltipp direkt am Langen Markt: Das Radisson Blu

Das Radisson Blu Hotel liegt direkt am Langen Markt, besser geht die Lage nicht. Man tritt aus dem Hotel und steht sofort mitten in der Geschichte. Neptunbrunnen und Artushof quasi vor der Tür. Die Zimmer sind schön, der Service gut. Eine ausgezeichnete Basis für die Erkundung der Stadt.
Warum Danzig eine Reise wert ist
Danzig ist eine Stadt die man nicht vergisst. Wegen der wiederaufgebauten Altstadt, die so perfekt ist dass man kaum glaubt was hier einmal war. Wegen der Marienkirche und der Orgel von Otto Kulke. Wegen des Neptunbrunnens und seiner Legende. Wegen der Brigittenkirche und des Teenagers die uns auf Deutsch begrüßt.
Wer Danzig entdecken möchte, sollte Zeit mitbringen. Für die Gassen, für die Kirchen, für die Stille an der Westerplatte.
Und für mich wegen meiner Oma, die hier war. Die hier jemanden kennengelernt hat. Die dann weggegangen und nie mehr zurückgekehrt ist.
Ich bin zurückgekehrt. Für sie. Und für mich.
Text und Fotos ©Britta Smyrak
Auf diese Pressereise wurde ich von der Polnischen Zentrale für Tourismus eingeladen.