Ich glaube nicht an Horoskope. Ich lege auch keine Tarotkarten. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Städte keine magischen Kräfte haben.
Aber Turin bringt mich zum Grübeln.
Unsere Stadtführerin erklärt es mit einem Lächeln: Turin liegt im Dreieck der weißen Magie, zusammen mit Lyon und Prag. Und gleichzeitig im Dreieck der schwarzen Magie, zusammen mit London und San Francisco. Keine andere Stadt der Welt beansprucht beide. „Man kann natürlich ein bisschen…“, sagt sie und lässt den Satz in der Luft hängen.
Ich frage mich warum San Francisco böse sein soll. Die Hippie-Hochburg, das sonnige Kalifornien. Eine befriedigende Antwort bekomme ich nicht. Die Dreiecke haben übrigens keinen dokumentierten Ursprung, niemand weiß, wer sie zuerst gezeichnet hat. Aber die Vorstellung ist für einige längst Teil der Identität dieser Stadt geworden. Ich werde jetzt doch neugierig.
Die Piazza Statuto. Drei Schichten Dunkelheit.

Die Piazza Statuto liegt im Westen Turins. Dort wo die Sonne untergeht. Für die Römer war der Westen die Seite des Todes, kein Zufall also, dass sie ihre Nekropolen hier anlegten.
Im Mittelalter war es eine Hinrichtungsstätte. Die Guillotine stand hier. Menschen wurden getötet und begraben. Und 1864 war der Platz Schauplatz blutiger Demonstrationen, als der König Turin verließ. Die Armee schoss auf die eigene Bevölkerung.
Drei Schichten Geschichte. Alle dunkel.
In der Mitte der Piazza Statuto steht das Denkmal für die Gefallenen des Fréjus-Tunnels. Oben auf dem Denkmal prangte bis 2013 ein fünfzackiger Stern. Es hieß, er sei mit der Spitze nach unten ausgerichtet gewesen, das Zeichen des Teufels. Dann verschwand er. Ob Vandalismus, Diebstahl oder Sturm, niemand weiß es genau.
Ich höre noch das Gerücht, die Menschen auf der Piazza Statuto wirken irgendwie nicht glücklich.
Das Museum of Witchcraft. Luzifer wohnt um die Ecke.
Nur ein paar Schritte von der Piazza Statuto entfernt, in der Via Giovanni Somis 4, befindet sich das Museum of Witchcraft. Kein Zufall, dass es genau hier steht.
Das Haus gilt in der Volksüberlieferung als der esoterischste Ort der Stadt — und wird mit Luzifer in Verbindung gebracht. Der Bezug geht auf die geflügelte Figur auf dem Fréjus-Denkmal zurück, keine hundert Meter entfernt. In der Volksüberlieferung ist sie kein Engel der Vernunft, sondern der gefallene Engel selbst. Sogar Papst Johannes Paul II. soll nach einem Besuch in Turin gesagt haben, von dieser Stadt gehe eine luziferische Atmosphäre aus.
Im Museum gibt es eine Bibliothek mit seltenen Texten, einen esoterischen Shop, Beratungsräume. Im Keller das sogenannte Hexenhaus: Kräuterkunde, Altäre, Zauberspiegel, Wahrsagerei. Die Sammlung umfasst Artefakte aus Gegenwart und Antike, zusammengetragen seit 1999.
Die Gran Madre di Dio. Und die Geheimnisse unter der Stadt.
Am nächsten Tag auf dem Weg zur Zahnradbahn führt die Route am Po entlang und vorbei an der Kirche Gran Madre di Dio, die auf der anderen Seite thront. Erbaut 1831 sieht sie von außen fast wie ein griechischer Tempel aus, ohne Kreuze.

Vor der Kirche stehen rechts uns links zwei Statuen. Eine zeigt den Glauben, mit einem Buch in einer Hand und einem Kelch in der anderen. Den Kelch deuten Esoteriker als den Heiligen Gral, jenen Kelch aus dem Jesus beim letzten Abendmahl trank. Die Statue schaut in eine bestimmte Richtung, und wer es glauben möchte, sieht darin einen Hinweis auf sein Versteck, tief unter Turin, in den alten Tunneln unter der Stadt.
Und diese Tunnel gibt es wirklich. Die meisten wurden 1706 gegraben, als die Franzosen Turin belagerten. Heute kann man sie besichtigen: Kerker, Eiskeller, königliche Fluchtwege, Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine Führung durch den Turiner Untergrund dauert etwa drei Stunden und ist einer der unbekannteren aber spannenden Tipps für die Stadt.
Laut einer Überlieferung aus dem 17. Jahrhundert führen unter der Piazza Castello drei Tunnel zu drei alchemistischen Höhlen. Der erste verlief unter dem Königspalast bis zur Piazza Statuto. Der zweite soll unter dem Po durch bis zur Gran Madre di Dio reichen. Den dritten hat niemand je gefunden. Er soll ein unschätzbares Gut bewahren. Manche sagen den Stein der Weisen. Andere sagen den Heiligen Gral.
Turin besitzt bereits das Grabtuch im Dom – die Kirche nennt es vorsichtig eine Ikone und keine Reliquie, hält sich also die Hintertür offen. Und in der Krypta der Basilika Santa Maria Ausiliatrice liegt angeblich ein Stück Holz vom Kreuz Christi, aufbewahrt in einem Alabaster-Reliquiar. Wenn Turin schon das Grabtuch und ein Stück des Kreuzes hat – warum nicht auch den Gral?
Ob das stimmt weiß niemand. Turin hat viele Reliquien. Und offensichtlich noch mehr Geheimnisse.
Mit der Zahnradbahn hinauf nach Superga

Seit 1884 fährt die Zahnradbahn Sassi-Superga unermüdlich den Berg hinauf. Sie ist die einzige ihrer Art in Italien. Alte Waggons, 400 Höhenmeter, 21 Prozent Steigung. Die Fahrt dauert knapp 20 Minuten. Es nieselt bereits den ganzen Morgen und jetzt noch der Nebel. Ich blicke aus dem Fenster und komme mir vor als ob ich durch den Regenwald fahre und nicht einen italienischen Berg hinauf.

Als ich oben ankomme, sehe ich die Basilika nicht. Der Nebel ist so dicht, dass sie fast vollständig verschwindet. Ich stehe vor einer Kirche oder auch nicht.
Die Basilika di Superga wurde 1731 fertiggestellt. Architekt Filippo Juvarra baute sie im Auftrag von Viktor Amadeus II. von Savoyen, ein Gelübde, das der Herzog vor der entscheidenden Schlacht gegen die Franzosen 1706 abgelegt hatte. Er und Prinz Eugen von Savoyen standen auf diesem Hügel, sahen Turin unter sich belagert, knieten vor einer hölzernen Madonnenfigur und versprachen: wenn wir siegen, bauen wir eine Kirche. Sie siegten. Die Kirche steht.

Innen: eine runde Kuppel, Barockkapellen, Stuck und Marmor. In der Krypta darunter die Gräber der Savoia. Könige und Prinzessinnen, Jahrzehnte für Jahrzehnte aufgereiht. Selbst im letzten Jahr wurde noch jemand beerdigt. Die Särge sind klein und erinnern mich eher an Kinder. Sind es Urnengräber oder werden die Leichen zusammengefaltet? Komische Gedanken die mir hier kommen. Ich bin froh, als ich wieder hinausgehe.

Hinter der Kirche gelangt man in den großen rechteckigen Kreuzgang, der als Garten gehalten wird. Der Nebel kriecht durch die Bögen, verschlingt alles. Es ist still. Unheimlich.
Die Basilika beherbergt auch eine Bibliothek mit liturgischen Büchern aus dem 18. Jahrhundert. Künftig soll sie für Forschungszwecke zugänglich gemacht werden.
Die Gedenkstätte des Grande Torino
Heute fällt es mir nicht schwer mir vorzustellen, wie ein Flugzeug gegen diesen Berg fliegen kann. Ohne es zu ahnen. Im dichten Nebel, auf dem Rückweg nach Hause.
Hinter der Basilika, an der Stelle wo das Klostergebäude an den Hang stößt, befindet sich die Gedenkstätte des Grande Torino.
Am 4. Mai 1949 war die Mannschaft des FC Torino auf dem Rückflug von Lissabon. Ein Freundschaftsspiel gegen Benfica. Es war nebelig über Turin. Genau wie heute. Das Flugzeug verlor die Orientierung und zerschellte am Hang des Superga, wenige Meter unter der Basilika.
Alle 31 Menschen an Bord kamen ums Leben. Die gesamte Mannschaft, der Trainer, Betreuer, Journalisten, die Besatzung. Valentino Mazzola, der Kapitän und einer der besten Spieler der Welt. Eine Mannschaft, die fünfmal in Folge Meister geworden war. Die Leichen wurden mit der gleichen Zahnradbahn nach unten transportiert.
Turin hat diese Wunde nie ganz geschlossen. Jedes Jahr am 4. Mai kommen die Menschen hier herauf.
Essen im Ruderclub Circolo Esperia. Das Leben geht weiter.
Nach dem Besuch der Superga fahre ich zum Essen an den Po. Der Name bringt mich immer zum Schmunzeln. Wissen die Italiener, was er auf Deutsch bedeutet? Der Circolo Esperia ist ein Ruderclub mit einer Terrasse direkt am Fluss. Seit 1850 treffen sich hier die Turiner zum Rudern, zum Mittagessen, zum Leben. Als ich dort bin, wird ein Geburtstag gefeiert.

Bei gutem Wetter sitzt man draußen auf der Terrasse, schaut auf den Po und wartet darauf, dass das nächste Ruderboot vorbeizieht. Rudern ist in Turin ein angesagter Sport. Der Fluss bietet sich dafür an.

Das Essen ist gut, die Atmosphäre ruhig. Nach dem Nebel oben auf dem Berg ist diese Normalität gut..
Was Turin mit einem macht
Ich glaube immer noch nicht an Magie. Aber ich verstehe warum Menschen daran glauben. Es hilft manche Dinge zu verstehen und gibt anderen eine Bedeutung.
Ein Platz, der auf einer römischen Nekropole gebaut wurde. Eine Stadt, die ihre Fußballmannschaft im Nebel verlor. Die einen Stern verschwinden sah ohne Erklärung. Diese Stadt erzählt nicht alles.
Und manchmal steht man im Nebel vor einer Kirche, die man nicht sehen kann.
Praktische Infos
Zahnradbahn Sassi-Superga: Piazza Gustavo Modena, Turin. Stündliche Abfahrten, Fahrtzeit ca. 18 Minuten. sassisuperga.net. Aktuelle Fahrzeiten vorher prüfen, die Bahn ist gelegentlich wegen Wartung außer Betrieb.
Basilika Superga: Eintritt kostenlos. Krypta mit Savoia-Gräbern 6 Euro. Kuppelaufstieg 4 Euro. Öffnungszeiten und aktuelle Infos: basilicadisuperga.org
Gedenkstätte Grande Torino: direkt hinter der Basilika, frei zugänglich.
Gran Madre di Dio: Piazza Gran Madre di Dio, Turin. Frei zugänglich. Auf dem Weg zur Zahnradbahn am Po entlang.
Piazza Statuto: Frei zugänglich, rund um die Uhr.
Circolo Esperia: Lungo Po Antonelli 9, Turin. Terrasse direkt am Po.
Unterirdisches Turin: Geführte Touren durch Tunnel, Kerker, königliche Eiskeller und Luftschutzbunker. Ca. 3 Stunden. Vorabreservierung dringend empfohlen. Buchung über getyourguide.de oder viator.com/de-AT/tours/Turin
Noch mehr Turin
Das elegante Turin mit historischen Cafés, Schokolade, Guarinis Kuppel und dem Königsschloss findest du im ersten Timeless Travels Artikel über Turin.
Wer das kreative Turin jenseits der Barockpaläste entdecken möchte findet es im Looping Artikel über Docks Dora.
Wer die beste Aussicht über Turin genießen möchte, der fährt mit dem Fahrstuhl im Filmmuseum auf die Aussichtsplattform. Mehr dazu hier.
Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise nach Turin, unterstützt von ENIT S.p.A. und Turismo Torino e Provincia.
Text und Fotos: Britta Smyrak, gran_madre_di_dio, ©Turismo Torino e Provincia, Piazza Statuto ©Daniel J. Basler, Titelfoto @Sybille